Das Nachthemd
„Das CTG, das die Herztöne meines ungeborenen Kindes misst, schweigt zweimal kurzzeitig, da sorgen am Morgen des 23.05.1990 ein Bremerhavener Gynäkologe und sein Team dafür, dass meine Tochter Linn gesund auf die Welt geholt wird.
Der Arzt wohnt direkt neben „seiner“ Klinik und ist sofort da, als klar wird: Dieses Kind braucht „Support“ beim „Auf-die -Welt-Kommen“. Ich liege im OP des damaligen St.-Josef-Hospitals, einem Krankenhaus, in dem viele Bremerhavener Babys ins Leben starten.
Einige von ihnen sind sicher in den USA aufgewachsen, vielleicht auch der Sohn meiner Bettnachbarin, einer hilfsbereiten jungen Bremerhavenerin, die mit einem amerikanischen Soldaten verheiratet ist.
Weil das Krankenhaus nicht dafür ausgestattet ist, den allerkleinsten Menschen schnellstmöglich zu helfen, wenn nach der Geburt Komplikationen auftauchen, zieht die Geburtshilfe-Abteilung 2012 ins Klinikum Reinkenheide um.
2013 verkauft das DRK das Joseph-Hospital an die Ameosgruppe und diese schließt es im Jahr 2024 für den stationären Betrieb.
Das Haus des Arztes wird nach seinem Tod verkauft und fällt in einen Dornröschenschlaf. Wild überwuchert inzwischen das Grün Garageneinfahrt, Vorgarten und Hauseingang.
Die Küche des ehemaligen Joseph-Hospitals ist seit dem 3.6.2026 Heimat für die Bremerhavener Tafel, worüber ich mich sehr freue.
Das Nachthemd trage ich, nachdem ich das OP-Hemd los bin und weiß, dass es meiner kleinen Tochter gut geht. Betrachte ich es heute, sehen meine Augen ein ziemlich scheußliches Muster – und zugleich fühlt mein Herz Angst, Sorge, unendliche Erleichterung, es fühlt Dankbarkeit und Liebe für die Menschen, die „Ja“ sagen zu unserer Stadt, und für die Menschen, die aus ihr kommen.“
Objekt und Text: Dorothea Voß