Die 1980er Jahre
Krisen, Protest und Punk

Sonderausstellung 29.06.–24.11.2019

In einer Fernsehdokumentation des WDR von 2015 wurden die 1980er Jahre folgendermaßen beschrieben: „Grausame Frisuren, schräge Klamotten, bekloppt tanzen zu Musik mit grenzdebilen Texten, und das Ganze in der miefig-piefigen Atmosphäre der alten Bundesrepublik. Das waren die 80er Jahre!“ In anderen Veröffentlichungen werden die 1980er Jahre als „das Jahrzehnt des schlechten Geschmacks“ beschrieben, das „schriller, bunter, lauter“ als alle anderen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gewesen sein soll.

Auch in Bremerhaven trieben damals Design, Kleidung, Frisuren und Musik seltsame Blüten. Für Bremerhaven standen in den 1980er Jahren jedoch weniger das Schrille und Schräge im Vordergrund, sondern das Jahrzehnt brachte für die Stadt an der Wesermündung einschneidende Veränderungen und Umbrüche, die bis heute spürbar sind. Während bis zum Ende der 1970er Jahre die gesellschaftliche Entwicklung in Bremerhaven weitgehend ähnlich wie in der gesamten Bundesrepublik verlief, stürzte die Stadt in dem darauffolgenden Jahrzehnt in eine schwere wirtschaftliche Krise mit hoher Arbeitslosigkeit, von der sie sich lange nicht befreien konnte. Es dürfte nicht übertrieben sein zu behaupten: Wer die Gegenwart von Bremerhaven verstehen will, muss sich vor allem mit den 1980er Jahren beschäftigen.

Die dokumentarische Grundlage
Wie schon bei den vorangegangenen vier zeitgeschichtlichen Ausstellungen wurden vom Historischen Museum Bremerhaven auch diesmal Tausende Fotografien, Dokumente, Statistiken und Zeitungsartikel recherchiert und ausgewertet. Zusammen mit zahlreichen exemplarischen Exponaten aus der Museumssammlung bilden die Fotografien die Grundlage der Sonderausstellung zur Bremerhavener Geschichte in den 1980er Jahren.

Ein Teil der rund 300 Fotografien der Ausstellung stammt aus dem Fotoarchiv des Historischen Museums Bremerhaven. Hierin ist insbesondere der Bremerhavener Pressefotograf Johannes Fleck vertreten. Darüber hinaus steuerte die NORDSEE-ZEITUNG ihr chronologisch sortiertes Negativarchiv mit Aufnahmen der Pressefotografen Wolfhard Scheer und Ewald Perret zur Ausstellung bei. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Luftaufnahmen, die vor allem Wolfhard Scheer für die NORDSEE-ZEITUNG, aber auch für private Auftraggeber aus Wirtschaft und Industrie anfertigte.

Bremerhaven in der Krise
In den 1980er Jahren wurde Bremerhaven von schweren Wirtschaftskrisen erfasst. Auslöser waren weltwirtschaftliche Strukturveränderungen, die sich negativ auf einzelne Bereiche der maritimen Wirtschaft auswirkten. So setzte sich der bereits in den 1970er Jahren begonnene Niedergang der Linienschifffahrt beschleunigt fort. Die Bremerhavener Hochseefischerei verlor durch die Nationalisierung der Fanggründe weitgehend ihre Existenzgrundlage. Die „Nematoden-Krise“ von 1987 bescherte der Bremerhavener Fischindustrie darüber hinaus einen schweren Absatzrückgang.

Eine internationale Stahlkrise, Konkurrenz aus Niedriglohnländern, Kürzungen der Schiffbausubventionen und veränderte steuerliche Abschreibungsbedingungen läuteten in Bremerhaven ein Werftensterben ein. Die Rickmers Werft schloss 1986 für immer ihr berühmtes Tor. Die Schichau Unterweser AG gab ihren Standort an der Geeste auf und fusionierte 1988 mit der Seebeckwerft. Die Sieghold-Werft musste im gleichen Jahr ihren Betrieb einstellen. Tausende verloren ihre Arbeitsplätze.

Protest auf den Straßen
Wirtschaftskrisen, ökologische und militärische Bedrohungen sowie kommunale Themen bewirkten in Bremerhaven in den 1980er Jahren ein stark zunehmendes politisches und soziales Engagement. In keinem Jahrzehnt gab es so viele Demonstrationen und Bürgerproteste.

Man demonstrierte gegen drohende Arbeitsplatzverluste und für den Fisch, aber auch gegen Atomwaffen oder die Abschaffung der Straßenbahn. Selbst die Schließung einer Kneipe wie das „Wally“ mobilisierte spontan tausend Demonstranten. Darüber hinaus beunruhigten Umweltthemen wie das „Waldsterben“, das „Ozonloch“ oder die Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl die Bevölkerung.

Jugend- und Unterhaltungskultur
Traditionelle Kultureinrichtungen wie das Deutsche Schiffahrtsmuseum, das Morgenstern-Museum und das Stadttheater verzeichneten in den 1980er Jahren starke Besucherrückgänge. Stattdessen zogen Sport- und Musikveranstaltungen Tausende Besucher/-innen an. Das erste Windjammerfestival „SAIL“ zählte 1986 rund 1,5 Millionen Schaulustige.

Für die Jugend gab es ein breit gefächertes Angebot an Konzertorten und Szenekneipen. Innerhalb der Jugendkultur fand eine starke Ausdifferenzierung statt, bei der „Punks“ mit ihrem auffälligen Erscheinungsbild besonders ins Auge fielen. Die Bandbreite der verschiedenen Lifestyle-Gruppen reichte von Punks über Rocker und Ökos bis hin zu Poppern. Jede Gruppe pflegte ihren bevorzugten Musik- und Kleidungsstil.

Fotos, Exponate, Filme und interaktive Stationen
Die Ausstellung gibt einen spannenden Überblick über eines der schillerndsten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Ausdrucksstarke Fotografien bilden die Grundlage der Ausstellung und bieten den Rahmen für eine Zeitreise in ein Jahrzehnt, in dem die angesagte Frisur „Vokuhila“ hieß und in der Mode das Motto „Anything goes“ (Erlaubt ist, was gefällt) galt.

Zeittypische Objekte aus zahlreichen Lebensbereichen wie Mode, Unterhaltungselektronik, Musik, Sport und Freizeit lassen das Jahrzehnt in seinen vielfältigen Facetten lebendig werden. Interaktive Stationen mit der angesagten Musik und den ersten Computerspielen auf einem Commodore 64 vermitteln das Lebensgefühl der 1980er Jahre. Im Museumskino werden in Kooperation mit Radio Bremen – buten un binnen Reportagen zu Bremerhavener Themen und Ereignissen des Jahrzehnts gezeigt. Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen, Erzählcafés und Aktionen vertieft die Themen der Ausstellung.

Die Ausstellung wurde finanziell unterstützt vom gemeinnützigen Förderkreis Historisches Museum Bremerhaven e. V., der Karin und Uwe Hollweg Stiftung aus Bremen und vom Kulturveranstaltungsfonds des Landes Bremen für Bremerhaven.

Ein Begleitbuch zur Ausstellung erscheint Anfang August 2019.

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