Werbefotografien der 1950er Jahre

Zum silbernen Museumsjubiläum gibt es einen neuen Sonderausstellungsbereich

Das Historische Museum Bremerhaven begeht im Sommer 2016 sein 25. Jubiläum. Am 31. August 1991 eröffnete das einzige städtische Museum in Bremerhaven seinen Neubau am Ufer der Geeste. Um seinen Besuchern zukünftig noch mehr attraktive Ausstellungen zu präsentieren, hat sich die Museumsleitung etwas Besonderes einfallen lassen: Ab sofort ist das Museum in der Lage, im Sommerhalbjahr zwei Sonderausstellungen gleichzeitig und im Winterhalbjahr mindestens eine Sonderausstellung zu zeigen.

Neue Sonderausstellungsfläche
Während bislang große Sonderausstellungen nur im Saal im Erdgeschoss präsentiert werden konnten, dient nun auch die Galerie im Obergeschoss als  Wechselausstellungsbereich. Voraussetzung für die Schaffung dieser zusätzlichen Sonderausstellungsfläche war die technische Umrüstung der Galerie durch ein flexibles Beleuchtungs- und Hängesystem. Dabei galt es, den architektonischen Gesamteindruck der Galerie zu erhalten, ohne störend in das Erscheinungsbild einzugreifen. Gleichzeitig wurde der Umbau genutzt, um energiesparende Maßnahmen umzusetzen.

Zahlreiche Förderer beteiligten sich an der Finanzierung der Maßnahme. Ein Drittel der höheren fünfstelligen Summe übernahm das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Ein weiteres Drittel stellte der Bremerhavener Unternehmer Dieter Petram zur Verfügung. Den Rest der Investition finanzierten die Weser-Elbe-Sparkasse, die BLG Logistics, EUROGATE und der Förderkries Historisches Museum Bremerhaven e. V.

WirtschaftsWunderWelten
Den Reigen der neuen „GalerieAusstellungen“ eröffnet eine Präsentation zur Geschichte der Nachkriegszeit mit dem Titel „WirtschaftsWunderWelten – Werbefotografien der 1950er Jahre“. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen ausdrucksstarke Auftragsfotografien der Bremerhavener Fotografen Helene Schüler und Hermann Schlüter, die ihre Ateliers in Lehe  hatten.

Gleichzeitig sind die Fotografien eine eindrucksvolle Ergänzung der Dauerausstellung im Historischen Museum Bremerhaven zur Geschichte der Nachkriegszeit. Kleidung, Einrichtungsgegenstände, elektrische Haushaltsgeräte und ein Lloyd Alexander TS aus der Zeit des Wirtschaftswunders werden durch die Fotografien in ihren historischen Kontext gestellt. Ein Mode-Schaufenster der 1950er Jahre im Dekorationsstil der damaligen Zeit eingerichtet, lässt die „WirtschaftsWunderWelten“ auch dreidimensional lebendig werden.

Der Weg in die Konsum- und Freizeitgesellschaft
Ein Jahr nach der Einführung der D-Mark im Jahr 1948 begann in Westdeutschland ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung, für den der Begriff „Wirtschaftswunder“ geprägt wurde. Motor des Aufschwungs war zunächst die Industrie, die zunehmend zur standardisierten Massenproduktion überging. In Bremerhaven spielten die Fischindustrie, der Schiffbau und seine Zulieferfirmen sowie die Bauindustrie eine tragende Rolle im wirtschaftlichen Aufbau.

Ab Mitte der 1950er Jahre erfolgte ein Strukturwandel zugunsten neuer Produkte und zukunftsorientierter Technologien. Dies hatte eine große Nachfrage nach Konsumgütern zur Folge. Neben Kleidung, Möbeln, Haushaltsgeräten, Musiktruhen und Fernsehgeräten spielte in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre das Automobil in der Konsumkonjunktur eine tragende Rolle. Die Tendenz zur Übernahme amerikanischer Zivilisationsmuster führte zur Einführung von zahlreichen Supermärkten und zu einer beispiellosen Kinowelle.

Die Werbefotografie
Das immer breiter werdende Angebot verschärfte  in der Zeit des „Wirtschaftswunders“ den Wettbewerb. Unternehmerische Selbstdarstellung und professionelle Werbestrategien zählten nun zur neuen Unternehmenskultur. Als Medium der Werbung kam der Fotografie eine zentrale Rolle zu. Bremerhavener Geschäftsleute und Unternehmer gaben zahlreiche Fotografien von Einzelhandelsgeschäften und Betrieben zu Werbezwecken in Auftrag. Insbesondere Schaufenster und Leuchtreklamen waren wichtige Werbeträger.

Die Fotografin Helene Schüler (1907 Hannover – 1987 Hannover) zog 1942 nach Lehe und eröffnete in der Hafenstraße 173 ein Fotofachgeschäft. Außerdem übernahm sie  Auftragsfotografien für private und gewerbliche Kunden. Hierfür warb sie Hermann Schlüter (1903 Bielefeld – 1981 Loxstedt) als freien Mitarbeiter an. Schlüter hatte eine Pilotenkarriere absolviert und wollte sein Hobby, das Fotografieren und Filmen, zum Beruf machen. 1949 ließ er sich in Bremerhaven nieder und nutzte zunächst das Fotoatelier von Helene Schüler, bis er 1955 ein eigenes Atelier in der Bremerhavener Straße 3 bezog. Schlüter fotografierte mit einer Laufbodenkamera der Firma Linhof, die anspruchsvolle Architektur- und Nachtaufnahmen ermöglichte.

Die Fotos
Die Fotos von Helene Schüler und Hermann Schlüter spiegeln den wirtschaftlichen Wiederaufbau und die Konsumwelt des Wirtschaftswunders wider. Ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeichnen sich durch eine klare Bildkomposition aus. Die oft reduzierte Formensprache der Architektur der 1950er Jahre setzten die beiden mit ungewöhnlichen Perspektiven in Szene. Ihre Nachtaufnahmen mit Leuchtreklamen bestechen durch technische Perfektion und Ästhetik. Die fotografische Dokumentation von Schaufensterdekorationen nahm in ihrer Arbeit breiten Raum ein. Zu den fototechnischen Innovationen der damaligen Zeit zählen auch Panoramakameras, die Hermann Schlüter entwickelte. In der Ausstellung sind zwei Panoramafotos von Bremerhavener Straßenszenen zu sehen, die Schlüter mit einer 162-Grad-Kamera aufnahm.

Ihr Negativarchiv mit über 3000 Glasplattennegativen stiftete Helene Schüler dem Museum vor ihrem Umzug nach Hannover. Die Sammlung umfasst Aufnahmen von Möbel-, Elektro-, Mode- und Schuhgeschäften, ebenso von Tankstellen, Kinos, den ersten Selbstbedienungsläden, Waren- und Autohäusern, Restaurants und Fischläden. Darüber hinaus wurden auch Aufnahmen in den Häfen, von den Werften und von Industrieanlagen angefertigt.

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