Eine Stadt im Umbruch

Wer die 70er Jahre miterlebt hat, erinnert sich häufig zuerst an ihr auffälliges Erscheinungsbild: Frauen mit Hotpants und Ultra-Miniröcken, zotteligen Schaffellwesten, Plateauschuhen und Schlaghosen, junge Männer mit langen Haaren und Vollbärten. Und zuhause farbenfrohe Wohnungseinrichtungen mit großgemusterten Tapeten, bei denen die Farbe Orange dominierte, dazu möglichst viele Gegenstände aus neuartigem Kunststoff.

Das Historische Museum Bremerhaven widmet dieser Ära nun eine große Sonderausstellung. Zu sehen sind nicht nur zahlreiche Objekte und Leitsymbole dieser Zeit, die viele Erinnerungen wecken, sondern auch über 250 Fotografien von Profifotografen, die belegen, dass die 1970er Jahre von mehr Themen beherrscht wurden als von Stilfragen. Vor allem war die Dekade eine Zeit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs, dessen Nachwirkungen bis heute anhalten.

Bremerhaven im Umbruch
Das Museum hat seiner Ausstellung den Titel „Die 1970er Jahre – Eine Stadt im Umbruch“ gegeben. „Bremerhaven steht stellvertretend für viele Kommunen in der Bundesrepublik, die in den 1970er Jahren von ähnlichen Strukturveränderungen betroffen waren“, resümiert Museumsdirektorin Dr. Anja Benscheidt, die zusammen mit ihrem Kollegen Dr. Alfred Kube die Ausstellung konzipiert hat, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Recherchen. Dabei liefert das Jahrzehnt kein einheitliches Bild. Die ersten Jahre herrschte noch Hochkonjunktur und Vollbeschäftigung, bis sich Mitte des Jahrzehnts eine Wirtschaftskrise mit vielen negativen Begleiterscheinungen einstellte.

Die gute Konjunkturlage zu Beginn der 1970er Jahre animierte Bremerhaven wie viele andere Städte zu einer Vielzahl von öffentlichen Bauprojekten, die nicht nur das Stadtbild veränderten, sondern auch hohe Schuldenberge auftürmten. An der Wesermündung sollte eine „neue City“ mit Hochhäusern und Einkaufspassagen das Stadtzentrum aufwerten. Zahlreiche Neubauten wie eine Stadthalle mit einer Eislaufhalle, das Nordsee-Stadion, mehrere Hallenbäder und Sporthallen oder das Deutsche Schiffahrtsmuseum entstanden innerhalb kurzer Zeit. Dass dabei manches Projekt, wie die neue Müllbeseitigungsanlage, überdimensioniert ausfiel, war offensichtlich dem Eifer der „Investitionsschlacht“ geschuldet. Die allein regierende SPD und die gewerkschaftseigene Wohnungsbaugesellschaft „Neue Heimat“ arbeiteten die meisten Projekte Hand in Hand ab.

Krise der maritimen Wirtschaft
„Das Jahr 1973 steht für das definitive Ende des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit und den Beginn einer Wirtschaftskrise, die einen sich immer weiter ausbreitenden gesellschaftlichen Umbruch nach sich zog“, beschreibt Dr. Alfred Kube die Ursache für den umfassenden Wandel ab Mitte der 1970er Jahre. Die weltweiten Ölpreis- und Fischereikrisen erfassten Bremerhaven und zeigten der Stadt die Grenzen des Wachstums der maritimen Wirtschaft auf. Schifffahrt, Schiffbau und Hochseefischerei gerieten in schwere Krisen und verursachten das Ende der Vollbeschäftigung und auf sieben Prozent ansteigende Arbeitslosenzahlen. Lediglich der Container- und der Autoumschlag erwiesen sich als Wachstumsbranchen – die jedoch mit weniger Personal auskamen.

Folgen der Wirtschaftskrisen waren ein zunehmender Geburtenrückgang sowie eine Abwanderungswelle, die die Einwohnerzahl von Bremerhaven um 5000 auf 139.000 schrumpfen ließ. Die Stadt reagierte mit einer Charmeoffensive: „Jung – modern – weltoffen“ lautete der neue Werbeslogan im Stadtmarketing, der die „Seestadt“ als Wirtschaftsstandort und attraktive Lebenswelt anpries. Bei vielen politischen Mandatsträgern herrschte Optimismus vor, dass die Wirtschaftskrise bald überwunden werde. Bei großen Teilen der Bevölkerung wuchsen hingegen die Skepsis vor der Zukunft und die Befürchtung, dass sich die Lebensqualität verschlechtern würde.

Vielfältige Jugendkultur
Von dieser Umbruchstimmung blieb die Jugend weitgehend unberührt. Umfragen zufolge interessierten sich nur 15 Prozent für Politik und Zukunftsfragen. Die große Mehrheit lebte sorglos im Hier und Jetzt und verschwendete nur wenige Gedanken an die Zukunft. Besuche von Musikveranstaltungen und gemeinsamen Feiern waren die bevorzugten Freizeitbeschäftigungen.

In den 1970er Jahren spaltete sich die Jugendkultur in zahlreiche Gruppierungen und Subkulturen auf. Verschiedene Kleidungs- und Musikstile existierten nebeneinander. Neben dem Minirock behaupteten sich ebenso der Midi- und der Maxirock. In der Popmusik fanden Glamour und Progressive Rock ebenso Anhänger wie eingängige Schlager und Musik von ABBA und Baccara.

Die Sonderausstellung
Sechs Themenräume präsentieren im Historischen Museum Bremerhaven das Panorama der 1970er Jahre. Grundlage der Sonderausstellung bilden die Fotografien des Pressefotografen Johannes Fleck (1924-2003), die durch Aufnahmen von Wolfhard Scheer, der seit 1971 unter anderem für die Nordsee-Zeitung arbeitete, ergänzt werden. Die Fotografien lassen das Jahrzehnt in seinen zahlreichen Facetten lebendig werden. Dabei stehen der Alltag und das Stadtleben ebenso im Fokus wie wirtschaftliche und maritime Themenbereiche.

Neben den Fotografien zeigt die Sonderausstellung in allen Themenräumen ausgewählte Exponate der 1970er Jahre aus der Sammlung des Historischen Museums Bremerhaven. Bei den Alltags- und Haushaltsgegenständen dominiert die Farbe Orange und das Material Kunststoff. Die vom Stardesigner Luigi Colani in Orange entworfene Babybadewanne fehlt in der Ausstellung ebenso wenig wie die in den 70er Jahren überall präsente „Prilblume“, die viele Artikel zierte. Orangefarbene Stehlampen, grüne Telefone oder rote Fernsehapparate bilden die bunte und bisweilen schrille Alltags- und Arbeitswelt der 1970er Jahre ab, in der sogar Werftfahrräder in Orange lackiert wurden.

Der tannengrüne VW-Käfer der Bremerhavener Polizei, das japanische Motorrad des Hafenarbeiters, der orangefarbene Anstecker mit „Willy wählen“ oder die Palette der ausgefallenen Kleidungsstücke – sie alle spiegeln die Leitsymbole der Zeit wider. Für zahlreiche Ausstellungsbesucherinnen und -besucher sind sie zugleich Erinnerungsstücke an einen Abschnitt ihrer eigenen Lebensgeschichte. Damit wird der erfahrungsgeschichtliche Austausch und Dialog ein wichtiger Bestandteil des Ausstellungskonzepts. In ErzählCafés, die sich an ExtraTouren durch die Sonderausstellung anschließen, können Zeitzeugen im Museum Erfahrungen austauschen und Erinnerungen wieder aufleben lassen.

Die Sonderausstellung wurde finanziell unterstützt vom gemeinnützigen Förderkreis Historisches Museum e. V. und vom Kulturveranstaltungsfonds des Landes Bremen für Bremerhaven.

Die Fakten
„Die 1970er Jahre – Eine Stadt im Umbruch“
Sonderausstellung 30.06.-25.11.2018
Historisches Museum Bremerhaven
An der Geeste, 27570 Bremerhaven
Di-So 10-17 Uhr. Eintritt frei.
Nähere Informationen zum Begleitprogramm mit Führungen durch die Ausstellung können einem Flyer entnommen werden oder
www.historisches-museum-bremerhaven.de sowie der Tagespresse.

Ein umfangreiches Begleitbuch zur Ausstellung erscheint Anfang August 2018.

Stand: 25.06.2018

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